
Der American Dream klingt nach Freihei
22. März 2026
Ich habe erlebt, dass er oft in Erschöpfung endet. Ich habe viele Jahre in den USA gelebt. Nicht als Beobachterin, sondern mittendrin – auch im Silicon Valley, wo ich für Apple gearbeitet habe. Was mich dort beschäftigt hat, war weniger das Versprechen als die Logik dahinter:
"Du kannst alles sein. Du musst nur wollen. Du musst nur an dir arbeiten."
Dieses Modell hat eine klare Struktur: Das Individuum ist verantwortlich – für Aufstieg, Scheitern, Sinn. Was dabei ausgeblendet wird: Dieses Narrativ kennt keine Grenze. Kein „genug“. Kein Ankommen.Selbstoptimierung wird zur Daueranforderung. Und genau darin liegt die Erschöpfung.
Was mich heute interessiert, ist die Verschiebung dieses Denkens. Denn diese Logik bleibt nicht in den USA. Ich beobachte, wie sie in der Schweiz und Europa immer mehr verbreitet ist – leise, unbewusst, oft als Fortschritt codiert.
Begriffe wie "Mindset", "Purpose" oder "Hustle" wirken dabei nicht nur beschreibend. Sie strukturieren Erwartungen. Und damit auch unser Selbstbild. Als Gesellschaft und als Individuum. So verschiebt sich der Massstab langsam und kaum merklich: vom gemeinsamen Aushandeln hin zur individuellen Zuständigkeit.
Es geht nicht darum, diese Narrative zu verwerfen. Sondern sie als das zu erkennen, was sie sind: kulturelle Modelle, die in einem spezifischen kulturellen Umfeld gewachsen sind und dort durchaus Sinn ergeben. Wenn sie aber exportiert werden, stellt sich die Frage, ob dieser Export im neuen Umfeld überhaupt Sinn ergibt. Entscheidend ist daher die Bewusstwerdung dieser unbewussten Übernahme von Wörtern und den damit verbundenen Denkrahmen und Idealen.
Mein Buch „Amerika in unseren Köpfen - wie US-amerikanische Narrative unser Denken, Sprechen und Handeln prägen“ erscheint im April bei NZZ Libro | Schwabe Verlagsgruppe AG.